Das Werden von Weiz

Überblickt man die siedlungsgeschichtlichen Vorgänge von Weiz mit seinem Umland, können fünf bedeutende Abschnitte festgestellt werden:

  1. Die Errichtung der Burg Weiz oder des Castrum Wides nach 1130.
  2. Die Gründung des Marktes Weiz als Handels- und Gewerbezentrum für das Umland kuz vor 1188.
  3. Der Zusammenschluß des Marktes mit seinen Vorsiedlungen zum heutigen Gemeindegebiet im Jahre 1770.
  4. Die Gründung der Elektroindustrie im Jahre 1892 durch Dipl. Ing. Franz Pichler, die den Siedlungsstoß zur Industriesiedlung bewirkte.
  5. Die Entwicklung des Ortes nach 1945 zur Elin-, Einkaufs-, und Schulstadt von heute.

Das Castrum Wides

Als bald nach der Beilegung des Investiturstreites zwischen Kaiser und Papst im Wormser Konkordat 1122 das Kolonisations- und Rodungswerk im Osten des Deutschen Reiches wieder voll einsetzte, war der Weizer Raum zwei Grundherren zugehörig. Das Gebiet östlich: Weizberg, Hühnerberg, und Stroß bis zum Kulm und zur Feistritz und nordwärts bis zur Weizklamm, zum Patscha und Zetz und südwerts bis gegen Münichhofen besaß seit der Karolingerzeit der Erzbischof von Salzburg, alles übrige Land westlich und südlich dieses Blockes zwischen Schöckel und Feistritz gehörte damals den Hochfreien von St. Dionysen-Waldstein als Teilerben des einstigen Aribonenbesitzes.

In den vom Landesherren verlehnten Land errichteten die Grundherren einfache Verwaltungszentren mit den erforderlichen Wirtschaftseinrichtungen, von denen aus die Besiedelung und Rodung geleitet wurden – und wenn notwendig, auch die Landverteidigung ausging. Die Grundherren holten aus ihren Stammlandschaften Jungbauern mit ihren Familien als Kolonisten heran, die unter der Anleitung und Aufsicht ritterlicher Ministerialen in schwerer Arbeit aus den Urwaldbeständen fruchtbares Ackerland herauszuroden hatten. Schwere Karren mit hohen Scheibenrädern von Ochsen gezogen bildeten mit den mitgeführten Rinderherden, die den Kolonisten Milch, Fleisch, Häute und Zugkraft lieferten, den Zug der Ankömmlinge. Im zugewiesenen Neuland errichteten sie in kleinen Gruppen als Wehrbauern ihre Häuser, Ställe und Wirtschaftsbauten aus Baumstämmen in Blockbauweise. Die drch Rodung gewonnenen Ackerfluren wurden gemäß der Dreifelderwirtschaft in Gewanne auf die einzelnen Höfe oder Huben aufgeteilt, Weideland als Allmend gemeinsam bewirtschaftet. Die Siedlungen oder Dörfer wurden meist nach ihren ritterlichen Rodungsleitern benannt.

Im Rodungsblock der Hochfreien von St. Dionysen-Waldstein sind die Hafner als Gründer der Dörfer Hafning und Steinberg bekannt, die bis ins 15. Jahrhundert hier saßen und in ihrem schwarzen Wappenschild ein silbernes Hufeisen führten. Noch bedeutender waren die oft genannten Ritter von Leska (Liesgowe); später nannten sie sich von Haselbach. Auf dem Hof auf dem Rosenberg saßen die Ritter „ab dem Rosenberg“. Göttelsberg und Götzenbüchel gehen auf den Namen Gottschalk zurück, Radmannsdorf auf den 1152 urkundlich genannten Ritter Ratkiso. Er war der Gründer der Burg und des Dorfes Radmannsdorf. Auch im erzbischöflich – salzburgischen Rodungsland sind eine Reihe ritterliche Ministeralen bekannt, auf die Ortsnamen noch heute hinweisen. Neben den deutschen Kolonistennamen sind Orts-, Berg-, Flur-, und Gewässerbezeichnungen slawischer Ursprünge erhalten, die an die Slaweneinwanderung nach dem 6. Jahrhundert erinnern.

Der Hochfreie Liutold II. von St. Dionysen-Waldstein errichtete nach 1130 als Grundherr des Weizer Bodens zwischen Schöckel und Feistritz als Verwaltungs- und Rodungszentrum das Castrum Wides, oder die Burg Weiz, die urkundlich 1147 belegt ist. Ein Gefolgsmann Engelschalks von Waldstein, Hartwig der Rote nannte sich nach ihr. Im Jahre 1152 wird die Burg in einer Donationsurkunde ausdrücklich genannt.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts rätselte die Heimatforschung um die Lage der Burg. 1953 erkannte Dozent Dr. Werner Knapp am Abhang des Göttelsberges auf einer das Tal überschaubaren Höhe im Grabensystem zu beiden Seiten der Landesstraße nach Graz, wo der Fahrweg nach Götzenbüchel abzweigt, die gesuchte Burgstelle.

Er stellte die Lage der Türme, der Tore und der weiteren mutmaßlich aus Holz gezimmerten Wohn- und Wirtschaftsbauten fest. Wall und Graben umschlossen einen etwa zweieinhalb Hektar großen Burgbereich, in den bei Feindgefahr das den Kolonisten kostbare Vieh untergebracht und verteidigt werden konnte. Hartwig der Rote wird um 1147 der Burgwächter oder Burgvogt der Herren von St. Dionysen-Waldstein gewesen sein. „Die kleine Zahl der Siedlungsreste deutet darauf hin“, meint Dr. Knapp, „daß die Burg nur vom Burgwächter dauernd bewohnt und von der Raumbevölkerung nur in Notzeiten besetzt wurde, also als Fliehburg anzusprechen ist“. Wertobjekt war das Vieh, es mußte vor feindlichen Zugriffen gesichert werden. Diesem Zweck dienten die Außenbereiche der Burg. Im Notfall konnte die Feldflur vorübergehend aufgegeben werden, dem kostbaren Weideland konnte er wenig schaden. Es war eine Welt der Gemeinschaft, in die das Castrum gehörte: gemeinschaftlich wird die Weide bereitet, gemeinschaftlich der Hof gebaut, gemeinschaftlich wird die Burg errichtet und ebenso gemeinschaftlich verteidigt.

Erste Anhaltspunkte zum Auffinden der Burgstelle bot die Feststellung des landwirtschaftlichen Meierhofes der Burg, der sich im Vulgarnamen des Anwesens „Hofbauer“, der tiefstgelegene Hof der KG. Göttelsberg, erhalten hat. Nur wenige hundert Meter von der Burg entfernt wurde von ihm aus das zur Burg gehörige Herren- oder Dominikalland zwischen Göttelsberg und dem Weizb ach bewirtschaftet. Noch heute erinnern Meierhofwiese, Meierhofacker, Meierhofbränd (Brandacker) und Meierhofwald an die einstige Zugehörigkeit zur Wirtschaftsflur der Burg Weiz.

Für die Vermahlung des auf den Ackergründen der Herrschaft und der Siedler geernteten Getreides war eine Mühle notwendig. Die älteste bekannte und auch urkundlich belegte Mühle stand an einem Seitenarm des Weizbaches. Es war die spätere Pruggenmühle, die nach dem Urbar der Herrschaft Gutenberg zinste und in der Folge meist an Weizer Bäcker verpachtet war. Es ist heute das Haus in Weiz, Mühlgasse 1.

Unweit der Mühle, an der alten Straße nach Birkfeld und deren Furt gelegen, befand sich die Taferne; auch diese war zur Herrschaft Gutenberg dienstbar. Sie ist heute das Gasthaus „Zum goldenen Engel“.

Mit Burg, Meierhof, Mühle und Taferne ist jener herschaftliche Komplex umschrieben, der zu den Grundlagen der herrschaftlichen Verwaltung gehörte und zu einer Zeit erforderlich war, da die Grundherrschaften in allen Verwaltungs- und Wirtschaftsbelangen die Führung innehatten.

(1907-2001) war Weizer und Lehrer aus Leidenschaft.
Besonderes Anliegen war ihm immer, wie er es nannte – ein volksbildnerisches Bestreben, auf die geschichtliche Vergangenheit unserer Heimat hinzuweisen.

In diesem Sinne werden hier auch seine Texte veröffentlicht, dass sie auch in Zukunft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich werden, bzw. bleiben. Die Texte sind bis auf kleine Korrekturen in der Rechtschreibung unverändert gegenüber den Originaltexten. D.h. es kann sein, dass sie auch vom Stil her etwas antiquiert wirken.

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