Thomaskirche in Weiz (2. Die Kirche)

Über die Gründung, den Bau und die kirchliche Weihe der Thomaskirche in Weiz sind keine Archivalien bekannt. Vom Bestand des Gotteshauses berichtet erstmalig die Urkunde vom 11. Mai 1188, als in der Kirche vor vierzig ritterlichen Zeugen Liutold von Gutenberg eine beteutende Stiftung dem Kloster Göß verbriefen ließ. Es kann als sicher angenommen werden, daß zu diesem Zeitpunkt die Kirche bereits vollendet und auch geweiht war, da unter den Zeugen kein Priester genannt ist. Wenn auch für die Folgezeit keine Aufschreibungen über die Geschichte des Gotteshauses bekannt sind, so vermittelt doch die Formensprache von Architektur und Ausstattung ein Bild seiner Entwicklung.

Dem ursprünglichen Grundriß nach bestand das Gotteshaus aus einem rechteckigen Schiff und einem gegen Osten angesetzten, eingezogenen quadratischen Altarraum, über dem sich ein Turm erhob. Es wird den Ostturmkirchen im Lande zugeordnet. Gleich den damals errichteten Burgen besteht die Kirche aus einem Steinmauerwerk. In ihm sind römerzeitliche Grabsteine aus dem zweiten Jahrhundert eingefügt. Zwei sichtbare Inschriftensteine verraten, daß ein Quintus Capitonius Potens den Stein seinen beiden Frauen und ein Adjutor einen Stein seinen beiden Söhnen und Gattinnen errichten ließen. Die Vergänglichkeit irdischen Lebens versinnbildlichen verschiedene figurale Darstellungen. Diese Steine wurden sicher nicht von weither gebracht, sondern haben sich in unmittelbarer Nähe des Bauplatzes befunden. Somit bezeugen sie, daß die Kirche auf römerzeitlichen Siedlungsboden errichtet wurde. Ob hier auch ein vorchristlicher Kultbau stand, von dem sich eine kanelierte Steinsäule aus Weiz im Lapitarium des Joanneums befindet, kann nicht nachgewiesen werden, da ihr genauer Fundort unbekannt ist.

Von der frühen Ausstattung der Kirche sind Reste eines bemerkenswerten Freskenschmuckes 1933 aufgedeckt worden. Sie werden dem Zackenstil der späten Romanik des 13. Jahrhunderts zugeordnet und befinden sich an der Nordwand des Kirchenschiffes. In drei Streifen waren Szenen der Heilsgeschichte als Bilderbibel (Biblia pauperum) für die des Lesens Unkundigen dargestellt. Erhalten sind im oberen Bildstreifen der Sündenfall im Paradies, im mittleren Streifen Christus vor Herodes und im unteren Streifen die Verkündigung an Mariä. Die in ihren Anfängen erhaltenen Bildstreifen werden bis zum Ansatz des Scheidebogens ihre Fortsetzung gefunden haben und weitere Szenen aus dem Alten Testament, dem Erlösungswerk Jesu und aus dem Marienleben und der Kindheit Hesu dargestellt haben. Vom Sockel bis zum Boden reichte ein gemalter Vorhang, über ihn sind noch zwei Apostelkreuze des 13. Jahrhunderts. Die Bildfläche wird oben und links von einem herzförmigen Palmettenmuster abgeschlossen. Dieses gibt die Höhe der Wand bis zur ursprünglichen, flachen Holzdecke der Kirche an.

Auch in der Nordwand des Chorquadrates sind von den Restauratoren P. Hoffmann und R. Gattinger 1933 Freskenreste freigelegt worden, die möglicherweise einem Jüngsten Greicht und einer Darstellung aus der Margarethenlegende angehört haben. Diesem frühgotischen Linienstil des 13. Jahrhunderts gehört auch das leider stark aufgespitzte Kreuzigungsfresko an der südlichen Außenwand der Kirche an. Die rote Vorzeichnung gibt den tief herabhängenden, in den Hüften stark ausgebogenen Körper des Gekreuzigten wieder. Links ist die niedersinkende, von einem Schwert durchbohrte schmerzhafte Gottesmutter, die von einer heiligen Frau gestützt wird, zu erkennen, rechts der hl. Johannes und eine dem Kreuz zugewandte Heiligenfigur mit einem Buch in der Hand wie der Ansatz einer weiteren Gestalt. Unter dem Kreuzesbalken ist ein grüner Streifen mit schwarzer Unzialschrift, die nicht mehr lesbar ist. Um alle Köpfe sind Heiligenscheine tief in den Putz zur Aufnahme der vergoldeten Ton-, oder Stuckauflagen eingraviert. Das ursprünglich durch Farbigkeit, Vergoldung und weiche Linienführung ausgezeichnete Kreuzigungsbild wurde 1932 aufgedeckt und gilt als äußerst wirksam und qualitätsvoll.

Eine wesentliche Veränderung im Sinne der Gotik erfuhr die Kirche in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Der romanische Altarraum wurde gegen Osten geöffnet und ein einjochiger Chor mit einem Fünfachtelschluß angefügt, der außen von vorgelagerten Strebepfeilern abgestützt wird. Sein einfaches Kreuzrippengewölbe ohne Konsolen weist zwei Schlußsteine auf, die das Lamm Gottes und eine Rosette darstellen. Drei Fenster mit steinernem Maßwerk erhellen den gotischen Altarraum. Im Maßwerk des mittleren Fensters ist noch eine in Blei gefaßte Scheibe mit einem Christuskopf erhalten, die die Annahme rechtfertigt, daß einmal alle Fenster bemalt waren. Dieselbe gotische Formensprache weisen das Nordportal des Chorquadrates zur heutigen Sakristei, der erweiterte Scheidebogen und das spitzbogige Westportal auf. Auch der Turm wurde im Sinne der Gotik erhöht und abgedeckt.

Im Oktober 1365 weihte Bischof Udarich III. von Seckau einen Altar der heiligen Katharina in der Kirche. Es war ein Flügelaltar, der noch 1669 bezeugt ist. Wohin der Altaraufsatz später verbracht wurde, ist unbekannt. Er wurde durch einen Altar zu Ehren des Hl. Erhard ersetzt. Der steinerne Altartisch, heute barock verkleidet, ist noch im heutigen Hochaltar enthalten. Der romanische Altar zum Hl. Thomas dürfte, wie nach einem Visitationsprotokoll vom Jahre 1617 geschlossen werden kann, als Lettneraltar weiter bestanden haben.

Katharina, Pankraz und Achaz gelten als Nothelfer. Vielleicht entstand das Fresko im ersten Joch des Kirchenschiffes, das die Marter des Achazius und seiner Getreuen auf dem Berge Ararat darstellt und als zweite Malschicht über der Bilderbibel aufgetragen wurde, in der Zeit der gotischen Umgestaltung der Kirche im 14. Jahrhundert. Derselben Malschicht zugeordnet werden Anna Selbdritt (Mutter Anna mit Maria und Jesus als Kinder auf dem Schoß) und der Gnadenstuhl (Gottvater mit dem Erlöser am Kreuz). Der untere Abschluß des Bildes wird durch ein um einen Stab spiralförmig geschlungenes Band gebildet. Aber auch das Fresko im Chorquadrat scheint zur selben Zeit oder etwas später eine neue Malschicht zum ursprünglichen Thema erhalten haben.

Von der gotischen Ausstattung ist nur ein Flügel eines Schreinaltares erhlten geblieben und erst anläßlich einer Kirchenrenovierung 1964 gefunden worden. Er zeigt auf der Festtagsseite den Hl. Rupert auf Goldgrund und auf der Rückseite für die Werktage die Hl. Barbara. Die Tafel ist im Altarraum angebracht. Sie vermittelt eine Vorstellung von der qualitätsvollen Ausstattung der Kirche im Mittelalter.

Die letzte große bauliche Veränderung der Kirche erfolgte im Jahre 1644 durch die Baumeister Georg Eissner und Georg Schedl. Bereits in der Amtszeit des Marktrichters Peter Rechinger wurde im Jahre 1640 der Umbau der Kirche beschlossen, zu dem die Bürger von Weiz, die Stiftsleute der Taborgült, die Bevölkerung des Umlandes wie die Grundherrschaften durch Spenden beitrugen. Die Kirche erhielt ein frühbarockes Kreuzgratgewölbe aud Wandpfeilern eingebaut, welches das Langhaus in drei Joche gliedert. Dabei wurde die mittelalterliche Wandmalerei des Kirchenschiffes zerstört und überkalkt. Das Gewölbe weist zwei Schlußsteine auf, einen Schild mit dem Wappen der Stubenberger und einen Christuskopf. Stammen diese Steine von einem gotischen Gewölbe, das einmal der Kirche an Stelle der romanischen Holzdecke eingebaut wurde? Woher kamen die zwei kleinen Steinsäulen, auf denen heute Statuen der Heiligen Franziskus und Johannes Nepomuk stehen? Fragen, die bis heute unbeantwortet blieben. Der weitere Umbau öffnete das Chorquadrat gegen Süden mit einem kleinen Eingang, dem gotischen Westportal wurde ein frühbarocker Halbbogen über den Spitzbogen gelegt und der Steinbogen zwischen Kirchenschiff und altem Chorquadrat seines gotischen Stabprofils beraubt, um einen Mörtelputz besser aufnehmen zu können. Dabei wurden auch zwei Auflagen im Steinbogen geschlossen, die wahrscheinlich einen Balken für ein Lettnerkreuz aufnahmen. Sie wurden anläßlich der Kirchenrenovierung 1964 festgestellt. Der gotische Kirchturm wurde wehrhaft verbreitert, erhöht und mit einem Krüppelwalmdach barock abgeschlossen.

Die letzte bauliche Veränderung bestand in der Erweiterung des Altarraumes gegen Norden und die Errichtung eines Stiegenaufganges. Eine Weihwasserschale mit der Jahreszahl 1747 erinnert noch an diese Umbauphase.

Der Weizer Tischlermeister Martin Sentlinger hat 1675 einen „Abriß“ für einen Hochaltar Richter und Rat von Weiz vorgelegt. Im selben Jahr bewilligte der Rat die Beschaffung neuer Kirchenbänke. Von Sentlingers handwerklicher Arbeit zeugen noch zwei Bänke zu beiden Seiten des Südeinganges. Pfarrer Zuseer von Passail widmete 1664 der Kirche eine Orgel, die 1769 durch ein Werk des Grazer Orgelbauers Ferdinand Schwarz ersetzt wurde. Propst Ernst von Pöllau schuf 1697 hierher einen Predigtstuhl. unter ihm erinnert ein Stein an den Bader und Wundarzt Johann Albler, der 1671 in Weiz starb. Zwei qualitätsvolle Holzplastiken eines unbekannten Künstlers am Triumpfbogen aus späterer Zeit zeigen den Feuerpatron St. Florian und den Pestheiligen Sebastian.

Der barocke Hochaltar mit einfachem Säulenaufbau und den Figuren des Hl. Philippus Neri und Paulus wird der Grazer Werkstätte Veit Königers zugeschrieben. Das Altarblatt, den Hl. Thomas von Canterbury als Fürbitter mit einer Ansicht von Weiz, malte 1771 Josef Adam Mölk.

Die beiden Seitenaltäre, die den Hl. Erhard und die Pfarrpatronin, die Schmerzhafte Gottesmutter, darstellen, sind Arbeiten des 19. Jahrhunderts.

In den acht Jahrhunderten ihres Bestehens hat die Kirche der jeweils herrschenden Geistesrichtung entsprechend Umwandlungen erfahren, bei denen wertvoller Bestand leider auch verloren ging. Heute versucht man, altes Kulturgut der Nachwelt zu erhalten, sichtbar zu machen. Die mittelalterlichen Fresken, die 1933 in der Thomaskirche entdeckt wurden, hat Professor Fritz Silberbauer 1935 konserviert, ergänzt (Vertreibung aus dem Paradies, Geiselung, Marter der Zehntausend aus der Achatuslegende) und freie Flächen schöpferisch gefüllt. Es entstanden Sintflut und Gebet, Tod und Verherrlichung Thomas Beckets im Kirchenschiff, wie das Letzte Gericht im Chorquadrat.

Die Thomaskirche ist nicht nur das älteste, erhaltene Bauwerk der Stadt, sondern auch kunstgeschichtlich interessant. Sie vermittelt durch ihren Bilderschmuck eine Vorstellung von der hochentwickelten Malkunst des Mittelalters, die hier einen bedeutenden Niederschlag gefunden hat.

(1907-2001) war Weizer und Lehrer aus Leidenschaft.
Besonderes Anliegen war ihm immer, wie er es nannte – ein volksbildnerisches Bestreben, auf die geschichtliche Vergangenheit unserer Heimat hinzuweisen.

In diesem Sinne werden hier auch seine Texte veröffentlicht, dass sie auch in Zukunft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich werden, bzw. bleiben. Die Texte sind bis auf kleine Korrekturen in der Rechtschreibung unverändert gegenüber den Originaltexten. D.h. es kann sein, dass sie auch vom Stil her etwas antiquiert wirken.

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